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Mario Aldrovandi, pensionierter und passionierter Journalist

«Mein Kopf arbeitet als Journalist» 

Mario Aldrovandi berichtet seit Kriegsbeginn täglich über die Ukraine. Im Interview spricht er über seine Arbeit, die Belastung durch die ständige Nähe zum Krieg – und darüber, warum er über Swiss for Ukraine einen grossen Generator nach Kherson gespendet hat.

Mario, du berichtest seit Kriegsbeginn täglich über die Ukraine. Das bedeutet über vier Jahre kontinuierliche Auseinandersetzung mit einem brutalen Krieg. Wie schützt du dich vor emotionaler Erschöpfung, und hat sich dein Blick auf diesen Krieg über diese Zeit verändert?

Ich beantworte mal den einfachen Teil dieser Frage: Der Blick auf diesen Krieg hat sich verändert mit der Entwicklung dieses Krieges, insbesondere in technologischer Hinsicht. Am Anfang war es der unglaubliche Widerstandswille der Ukrainer und dass sie nicht ganz unvorbereitet waren. Auf der anderen Seite war die dumme Militärtaktik der russischen Armee, die gemeint hat, mit ein paar hintereinanderfahrenden Panzern könnte sie ein Land übernehmen, so wie 1956 in Ungarn oder 1968 in der Tschechoslowakei.

 

Ich bin kein Militärexperte und war auch nur ein mittelmässiger Soldat, aber es zeigte sich doch deutlich, dass sich hier zwei Generationen von Militärverantwortlichen gegenüberstehen. Auf der einen Seite die alte Stahlhelmfraktion, welche die Siegesaussichten an der Anzahl der verschossenen Granaten messen wollte. Dazu gehörte auch der erste Generalstabschef Walerij Saluschnyj, der die westlichen Alliierten schockierte, indem er ein paar Millionen Artilleriegranaten verlangte. Zum Glück wurde er durch einen modern denkenden General, Olexandr Syrskyj, ersetzt. Hinzu kamen brutale Schläge, ausgedacht vom ukrainischen Militärgeheimdienst unter Kyrylo Budanov.

Noch viel wichtiger aber ist, dass die Ukraine das Potential der Nichtbemannten Waffen erkannt hat: Drohnen in der Luft, am Boden und auf dem Wasser. Seit Michajlo Fedorov Verteidigungsminister ist, hat sich das noch mehr professionalisiert und das Ergebnis ist eine russische Armee, die sich auf dem Rückzug befindet.

 

Der schwierigere Teil der Frage ist, wie ich damit umgehe. Tatsächlich geht das ganz gut und das soll bitte nicht zynisch tönen. Mein Herz ist auf der Seite der Ukraine, auch wenn ich keinen einzigen Menschen aus diesem Land kenne und mein Kopf arbeitet als Journalist: Ich erforsche Quellen, prüfe die Glaubwürdigkeit, versuche dabei nicht auf allzu positive Meldungen hereinzufallen, sortiere das Material, gewichte es, schreibe die Meldungen und entscheide über ihre Publikation. Daneben suche ich das dazu passende Bildmaterial. Natürlich gibt es viele Meldungen, die hässlich sind, wenn es zum Beispiel Folter oder Qualen von Kindern und Zivilisten betrifft. Und es gibt schonungslose, grässliche Videos von der Front, die mich an Beschreibungen von Erich Maria Remarques «Im Westen nichts Neues» erinnern.

 

Insgesamt freut es mich, dass meine Arbeit Anerkennung findet und es Leserinnen und Leser gibt, die mir das Vertrauen in der Berichterstattung schenken.

 

Ansonsten versuche ich gesund zu leben, spiele hier gerne Pétanque, geniesse die Sonne und das gute Essen und ab und zu auch einen guten Wein. Ausserdem habe ich eine wunderbare Partnerin, die mir die für die Ukraine nötigen Freiräume gibt.

Wo siehst du die grössten Unterschiede zwischen deiner Berichterstattung und jener der grossen Schweizer Medien: inhaltlich, aber auch punkto Geschwindigkeit?

Ich lebe in Frankreich und hier gibt es die sehr gut gemachte «Tribune de dimanche». Vor einer Woche lautete die Titelstory «die Kosten des Krieges». Gemeint war aber fast ausschliesslich der Krieg gegen den Iran. Das ist zurzeit typisch für die Medienberichte: Der grösste Krieg auf europäischem Boden seit dem Zweiten Weltkrieg findet nur noch als «neue Normalität» statt und nur bei besonders grausamen Angriffen der Russen, wird noch berichtet.

 

Die Schweizer Medien unterscheiden sich da insgesamt nicht, aber es gibt erhebliche Qualitätsunterschiede. Bei den CH-Medien rettet der Reporter Kurt Pelda den journalistischen Stand und beim Schweizer Fernsehen ist die Arbeit von David Nauer von hoher Qualität. Was das Radio berichtet, höre ich hier nicht.

 

Bei den Zeitungen bietet die NZZ die besten Analysestücke. Demgegenüber ist die Qualität der TA-Medien miserabel. Je nachdem, was die Korrespondenten der Süddeutschen Zeitung liefern – mit denen die tamedia verbunden ist – ist es prorussische aus Serbien oder Wien oder eher westlich orientiert, aber insgesamt nicht zuverlässig.

 

Alle Medien bedienen sich ansonsten von den grossen Nachrichtenagenturen wie Reuters und Agence France Press und von denen schreibt die Deutsche Presseagentur (dpa) das meiste ab, was anschliessend in den Schweizer Medien publiziert wird. Aber weil das Interesse am Krieg Russlands gegen die Ukraine in den Redaktionen tief ist, liefern auch diese Agenturen immer weniger Stoffe.

Wie arbeitest Du?

Ich arbeite am intensivsten mit Primärquellen. Das sind der ukrainische Generalstab, ukrainische und russische Militärblogger und Behörden. Ausserdem verwende ich Texte von in der Ukraine und im Ausland lebenden Ukrainern und Flüchtlingen aus dem russischen und belarussischen Reich. Hinzu kommen die sehr zuverlässig arbeitenden freien Medien in der Ukraine und die vom Kreml geächteten russischen Oppositionsmedien wie «Moscow Times»; «important Stories», RAZA oder ausländischen Stationen wie «Radio Liberty», «Deutsche Welle» oder «BBC-Russia».

Hilfreich sind auch die Analysestücke vor allem der Nachrichtenagentur «Bloomberg», von Reuters und von den amerikanischen Publikationen wie «Politico», «New York Times» dem «Wall Street Journal». Wertvoll sind zudem oft Texte der britischen Zeitungen «The Independent», «Guardian» und «The Times».

Insgesamt habe ich einen Pool von etwa 60-70 Quellen, die ich unterschiedlich stark nutze. Das Suchen und Filtern der Quellen benötigt täglich etwa 3 bis 4 Stunden. Die werden dann in einem Konzentrat von 8-10 Meldungen im Newsletter publiziert. Bei der Veröffentlichung über Instagram hilft mir mein Sohn.

An welchem Punkt hast du entschieden, dass Berichten allein nicht mehr genug ist, und was hat dich konkret dazu bewogen, mit einer Spende selbst aktiv zu werden?

 

Vor eineinhalb Jahren habe ich das Spendentool «Buy me a coffee» entdeckt. Damit kann man mir online für je 5 Euro einen oder mehrere Kaffees spenden. Ausserdem gibt es eine wachsende Gruppe von Menschen, die mir Geld auf mein Schweizer Konto überweist. In erster Linie verwende ich das Geld für die Deckung der Sonderausgaben wie Softwarekosten und Medienabos. Für meine Arbeit nehme ich davon nichts.

 

Nachdem ich mehr Geld hatte, als ich ausgeben musste, konnte ich eine erste Unterstützungsaktion finanzieren. Das war vor einem Jahr der Transport von 113 Spitalbetten mit Beistellmobiliar aus einer stillgelegten Schweizer Klinik. Diese kamen nach Kyiv in ein Zentrallager, wo sich seither Spitäler bedienen können.

 

Jetzt sind wieder ein paar tausend Franken zusammengekommen und so kann ich den Kauf des Generators finanzieren, den «Swiss for Ukraine» organisiert hat. 

 

Wie kam die Zusammenarbeit mit Swiss for Ukraine zustande, und was hat dich überzeugt, dass deine Spende hier in den richtigen Händen ist?

Wie vieles im Leben spielt auch hier der Zufall eine Rolle. Es gibt in ganz Europa eine grosse Zahl von Organisationen, die aktiv Hilfe an die Ukraine leisten. Ich stosse immer wieder auf entsprechende Berichte und das war auch bei «Swiss for Ukraine» so. Ich habe mir dann die Webseite etwas genauer angeschaut und fand, dass hier eine sehr vernünftige Arbeit geleistet wird. Also habe ich Kontakt aufgenommen und so kamen wir ins Gespräch, respektive in den Email-Austausch. Ein erstes Projekt für einen Generator kam nicht zustande, aber die Art und Weise, wie damit bei «Swiss for Ukraine umgegangen wurde» hat mich überzeugt. Das hat sicher auch mit der Persönlichkeit des Präsidenten Alexander Lüchinger und mit dir als Kommunikationsverantwortlichen zu tun.

Es freut mich sehr, dass wir es gemeinsam schaffen, einen, respektive mehrere, Generatoren in die Ukraine zu bringen und ich bin gespannt, wie sich das Ganze weiterentwickelt. In erster Linie bin ich froh, dass wir hier gemeinsam eine sicher wertvolle Hilfe für die tapferen Ukrainerinnen und Ukrainer auf die Beine bringen.

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Ariane Rihm

Vorstandsmitglied Swiss for Ukraine

Das Interview führte

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